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17th ÉCU
The European Independent Film Festival 2022 

8th - 10th April 2022 
Interview

Stephanie Olthoff
UNTERGRUND 
Sektion: Studentenfilm 
ecufilmfestival.com
Englische Version

Annabell's Sohn ist vor kurzem spurlos verschwunden. Niemand weiß, was mit ihm geschehen ist. Eines Tages findet sie ein seltsames Loch im Blumenbeet, gleichzeitig passieren scheinbar übernatürliche Dinge im Haus. Annabell will der Sache auf dem Grund gehen und macht dabei eine erschreckende Entdeckung...

Hallo Stephanie, vielen Dank für das Gespräch mit The New Current. Wie geht es dir in diesen sehr seltsamen Zeiten?

Die jüngsten Ereignisse haben bei mir großes Mitgefühl für die Menschen in der Ukraine ausgelöst, und ich denke, dass die Ereignisse uns alle sehr deutlich daran erinnern, dass Freiheit und Frieden nie vollständig garantiert sind und wir uns glücklich schätzen können, in friedlichen und sicheren Verhältnissen zu leben.

 

Hat diese Zeit dir neue kreative Anregungen oder Möglichkeiten geboten?

Im Moment drehe ich einen Dokumentarfilm in einem Drogenkonsumraum, der als Recherche für meinen Abschlussfilm dienen soll. Es ist ein ganz besonderer Ort und ich habe die aller größten Sympathien und Respekt für die Sozialarbeiter*innen, die dort arbeiten und den Menschen mit Suchterkrankung, die sich dafür entschieden haben, ihre Drogen in einem sicheren Raum zu konsumieren, zu helfen.

 

Welche Erfahrungen hast du an der Hamburg Media School gemacht und inwieweit hat deine Zeit dort dazu beigetragen, deinen Weg als Filmemacherin zu gestalten?

Ich denke, die Zeit an der Hamburg Media School hat mir näher gebracht, wer ich als Mensch bin und wer ich als Filmemacherin sein möchte. Mein Studium hat mir gezeigt, dass Integrität manchmal bedeutet, Widrigkeiten zu riskieren, und dass es als Filmemacherin enorm wichtig ist, Stellung zu beziehen und keine Angst davor zu haben, Risiken einzugehen und dabei möglicherweise einigen Menschen vor den Kopf zu stoßen.

 

Herzlichen Glückwunsch zur Teilnahme am 17. ÉCU-Filmfestival. Was bedeutet es für dich, dass dein Film in Paris gezeigt wird?

Ich bin sehr dankbar und glücklich, dass mein Film in Paris gezeigt wird, weil ich das französische Kino sehr schätze. Zu meinen Regie-Vorbildern gehören u.a. Francois Truffaut, Jacques Audiard und Julia Ducournau.

 

Kannst du mir sagen, wie Untergrund entstanden ist, was die Inspiration für das Drehbuch war und welche Botschaft du mit diesem Film vermitteln möchtest?

Das Drehbuch wurde von meiner Kommilitonin Jana Forkel geschrieben, aber als ich das Drehbuch zum ersten Mal las, musste ich sofort an den Roman "Die Verwandlung" von Franz Kafka denken, in dem ein übernatürliches Element in eine realistische Umgebung eingebettet ist. Außerdem habe ich viel Zeit damit verbracht, Moodboards zu entwerfen und wie das Loch aussehen sollte. Inspirierend dafür waren die Arbeiten des Künstlers Anselm Kiefer. Für mich geht es in diesem Film nicht darum, eine Botschaft zu vermitteln, sondern darum, das Publikum zu aktivieren und individuelle Interpretationen dessen zuzulassen, was der Film bedeutet und wie er emotional wahrgenommen wird.

Underground 3

Wie eng hältst du dich bei der Arbeit an einem Film an das Drehbuch oder erlaubst du dir viel Flexibilität?

Normalerweise erlaube ich mir ein gewisses Maß an Flexibilität beim Drehen, da ich gerne improvisiere. Besonders aber ist für mich Flexibilität im Schneideraum wichtig: Offen zu sein für die endlosen Kombinationen, die durch den Schnitt möglich sind, ist für mich immer auch der Schlüssel zur Entdeckung von etwas Einzigartigem.

 

Was war die größte Herausforderung bei der Umsetzung von Untergrund und gibt es etwas, das du rückblickend bei diesem Film anders gemacht hättest?

Die größte Herausforderung war es, das Loch zu erschaffen, das laut Drehbuch eine unendliche Tiefe besaß. Ich hatte das Glück, daran zusammen mit unserem Szenenbildner Franz Dittrich zu arbeiten, der das Loch konzipierte und baute. Im Grunde genommen erschuf er einen riesigen Kegel mit darunter eine Box, in die unser Kameramann, Alexander Kiro Friedrich, hineinkriechen konnte, um aus der Tiefe des Lochs hinauf zu schießen. Rückblickend hätte ich nichts anders gemacht.

 

Woher kommt deine Leidenschaft für das Filmemachen?

Soweit ich mich zurückerinnern kann, waren Filme und das Erzähen von Geschichten immer Teil meiner Erziehung. Als ich noch sehr jung war, zeigten mir meine Eltern Filme von Alfred Hitchcock, Billy Wilder und Francois Truffaut und ich wurde süchtig nach dem Erlebnis, welches Filme in mir auslösten: Filme boten mir eine Flucht aus der Realität und eine Möglichkeit, mit der Welt in Verbindung zu treten. Dieses Gefühl, der eigenen Realität entfliehen zu können und sich gleichzeitig auf einer zutiefst persönlichen Ebene mit den Geschichten und Figuren des Filmes zu identifizieren, ist der Grund, warum ich Filme mache. Sie helfen der Einsamkeit zu entfliehen und Verbundenheit zu schaffen.

 

Inwieweit hat deine Arbeit als Editorin dazu beigetragen, wie du an die Regie von Untergrund herangegangen bist?

 

Durch meine Arbeit als Editorin erkenne ich die vielen Möglichkeiten, die der Schnitt bieten kann, indem man Einstellungen neu arrangiert oder kontrastiert, den Rhythmus oder sogar die gesamte Struktur des Films verändert. Der Schnitt ist für mich ein äußerst transformativer und kreativer Prozess, und ich betrachte ihn als eine Art Wiedergeburt des gesamten Films. Bei Untergrund sind wir im Schnitt stark vom Buch abgewichen, wodurch der Film sehr viele Transformationen durchlebt hat, bevor wir seine endgültige Form gefunden haben.

"Die größte Herausforderung war es, das Loch zu erschaffen, das laut Drehbuch eine unendliche Tiefe besaß. Ich hatte das Glück, daran zusammen mit unserem Szenenbildner Franz Dittrich zu arbeiten, der das Loch konzipierte und baute."

Bist du der Meinung, dass Filmemacher*innen weiterhin versuchen sollten die konventionellen Grenzen der Geschichten, die sie erzählen wollen, zu verschieben?

Ja, ich denke, dass es für Filmemacher*innen notwendig ist, dies weiterhin zu tun, denn auch wenn die Reibung, die dadurch entsteht, unangenehm sein mag, kann sie auch zu Fortschritt und Innovation führen.

 

Hast du Tipps oder Ratschläge für alle, die mit dem Gedanken spielen, ins Filmemachen einzusteigen?

Mein wichtigster Ratschlag wäre: Kämpfe für das, was du liebst und drücke dich so wahrhaftig und konsequent wie möglich aus.

 

Und schließlich, was erhoffst du dir, dass die Zuschauer*innen von Untergrund mitnehmen werden?

Ich hoffe, dass die Zuschauer*innen Untergrund als einen Film betrachten, der ihnen die Freiheit lässt, selbst zu interpretieren und zu erspüren, was er in ihnen auslöst.