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17th ÉCU
The European Independent Film Festival 2022 

8th - 10th April 2022 
Interview

Anke Sevenich 
KLABAUTERMANN 

Section: European Dramatic Short
ecufilmfestival.com

In einem Altenheim am Stadtrand Frankfurts trifft die Pflegehelfer-Schülerin Miranda auf den alten Eugen Vettermann. Miranda, die seit geraumer Zeit chancenlos nach einer Wohnung sucht, tut sich schwer, die hier geltenden Bestimmungen und Regeln zu akzeptieren. Und auch Eugen ist chancenlos. Chancenlos mit seinem Wunsch auf ein würdiges Lebensende, denn in einem von Personalmangel und Wirtschaftlichkeit geprägten Umfeld fehlt der Raum für ein Handeln außerhalb der Vorschriften.

 

Hey Anke, danke, dass du mit The New Current sprichst, wie hast du in diesen seltsamen Zeiten durchgehalten?

 

Corona war für die Kulturschaffenden in Deutschland eine schwierige Zeit. Was mich aber besonders entsetzt hat war die Schamlosigkeit, mit der sich in dieser Zeit offenbart hat, dass Kultur gesellschaftspolitisch überhaupt nicht relevant ist. Und durch die aktuellen Kriegsgeschehnisse sind kulturpolitische Fragen abermals aus dem Fokus geraten. Aber ich bin mir sicher, dass wir gerade in solch polarisierenden Zeiten Kultur mehr denn je brauchen und zwar als verbindendes Element neben all den machtpolitischen und nationalstaatlichen Interessen.

 

Hat diese Zeit dir irgendwelche kreativen Anstöße eröffnet?

 

Ja, durchaus. Wir haben KLABAUTERMANN in der Zeit während des ersten Lockdowns in Deutschland in einer Art Quarantäne-Dreh verwirklicht. Das ist vor allem, meinem unerschrockenen und zupackenden Produzenten Tonio Kellner zu verdanken, der zu mir sagte: „Komm, wir machen das jetzt einfach.“ Die Pandemie hat am Rande auch inhaltlich Einzug in die Geschichte gehalten, die Isolation und Einsamkeit der Heimbewohner hat sich auf diese Weise noch einmal verstärkt.

Nach der Fertigstellung von Klabautermann habe ich die Corona-Zeit zur Stoffentwicklung für ein neues Projekt genutzt. Es soll meine erster Langfilm werden. Mein Co-Autor Stephan Falk und ich, wir haben für das neue Projekt bereits eine Drehbuchförderung erhalten.

 

Gratuliere, dass KLABAUTERMANN als Beitrag für das 17. ÈCU Film Festival ausgewählt wurde. Was bedeutet es für dich, dass der Film in Paris gezeigt wird?

 

Das trifft sich großartig, weil nämlich das neue Filmprojekt eine deutsch-französische Geschichte ist. Außerdem liebe ich Paris, es ist die schönste Stadt Europas.

 

KLABAUTERMANN hat den Kurzfilmpreis beim KINOFEST LÜNEN gewonnen, hast du damit gerechnet, dass der Film so viel Resonanz erhält?

 

Es hat mich sehr gefreut, vor allem weil es ein Publikumspreis war. Das sind doch die besten Preise, oder? Mich freuen aber die vielen Nominierungen bei den Festivals in ganz Europa mindesten genauso sehr.

Haben dir deine Erfahrungen als Schauspielerin bei Arbeit hinter der Kamera geholfen?

 

Auf jeden Fall. Ich stand bei etlichen Filmen vor der Kamera. Da hat man viel Zeit zu beobachten, was beim Dreh funktioniert und was nicht.

 

Kannst du erzählen, wie es zu der Idee von KLABAUTERMANN kam? Was war die Inspiration zu der Geschichte?

 

Ich wollte eine Geschichte über das Sterben machen, d.h. nicht den Tod durch Unfall, Krankheit oder Verbrechen, sondern über das, was wir gemeinhin einen „natürlichen Tod“ nennen. Am Ende eines Lebens. Und das wollte ich auf möglichst leichte und humorvolle Art tun. In einer Gesellschaft des Anti-Agings, in der Jugendlichkeit, Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung einen extrem hohen Stellenwert haben, wird die eigene Sterblichkeit ja oft genug als maximales Unglück angesehen.

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"All diese Berufe in der Filmbranche haben eine hohe mediale Attraktionskraft, aber sie machen auch immer viel Arbeit."

Wie genau hast du dich während der Dreharbeiten an dein Drehbuch halten können? Wieviel Freiraum hast du deinen Schauspielern gelassen?

 

Immer, wenn ein Teammitglied, egal aus welchem Gewerk, ein Angebot gemacht hat, dann habe ich dieses Geschenk gerne angenommen und wenn es die bessere Idee war, dann haben wir das auch so umgesetzt.

 

Was war die größte Herausforderung bei der Umsetzung von KLABAUTERMANN?

 

Und gibt es etwas, das du heute rückblickend anders machen würdest?

 

Die größte Herausforderung war es, dieses Projekt finanziert zu bekommen.

Was ich anders machen würde?

 

Ganz ehrlich? Nicht viel, ich finde, das war eine großartige und intensive Erfahrung, die mich motiviert weiterzumachen.

Denkst du, dass Filmemacher die Grenzen der Geschichte, die sie erzählen weiterhin ausloten sollen?

 

Unbedingt – und daran arbeiten wir. Unser neues Projekt heißt sogar ganz konkret GRENZGEBIET. Es geht dabei um die Grenzregion zwischen Deutschland und Frankreich, um soziale Grenzen, aber auch um einen furiosen inneren Grenzgang.

  

Hast du irgendwelche Ratschläge oder Tipps für alle, die darüber nachdenken ins Filmgewerbe oder in die Schauspielerei einzusteigen?

 

All diese Berufe in der Filmbranche haben eine hohe mediale Attraktionskraft, aber sie machen auch immer viel Arbeit. Man braucht Durchhaltevermögen, Frustrationstoleranz, Glück und vor allem Talent.

 

Und zu guter Letzt, was hoffst du, das die Zuschauer aus KLABAUTERMANN mitnehmen?

Ein bisschen mehr „Hier und Jetzt“ und dafür weniger „Wenn und Aber“.